Donnerstag, 30. November 2006

Frommer Wunsch

Da liegt man also am Boden, zerschlissen von Gifststoffen aller Art, oder aber man lehnt an einer morschen Buche, die vom Feuerbrand schon vor Jahren dahingerafft wurde, der Schnaps steht einem direkt unterm Hals und man hat Mühe, sich senkrecht zu halten. Oder aber man schwankt völlig entmenscht durch die Holzwege seiner kümmerlichen Existenz, blind vom Fusel und vom vielen Kokain und ruft völlig schuldlosen Personen, in deren Antlitz man die große Liebe wiederzuerkennen glaubt, die einem ehedem Ruhe, Anstand, Unschuld, Herz und Würde raubte, im eigenen Schnauben untergehende und verröchelnde Schwüre zu, denen man selbst im geringsten nicht glaubt. Ja, soweit ist es gekommen, man ist nur noch ein falbes Abbild des Menschen, der man einst zu sein gedachte. Mit verschmuddelten Tatzen tastet man also nach dem Flachmann in der Innentasche dessen, was "damals" noch ein ansehnlicher Mantel war. Das Fläschchen ist leer, es ist schon seit Wochen leer, doch vermag man's zu verstehen? Löchrig, wie vermilbt ist der Geist, das Herz bereits im letzten Stottern verhakt.
In dieser wüsten Stunde steht also plötzlich eine Fee im nebligen Vorabend, sie hat jenes überirdische Lächeln, sie hat Augen, die noch den verderbtesten aller Verderbten auf den Pfad der Tugend zurückbrächten. "Was ist Dein Wunsch?" haucht sie, und jedes dieser Worte trifft mich wie eine zuckrige Wolke aus reiner Reinheit. Ich überlege nicht lange, raune ihr ein paar Worte ins Ohr und finde mich wieder in einer prächtig ausgestatteten LoungeBar in Londons Süden. In feinstem Tweed sitze ich am gläsernen Tresen, vor mir einen Gin Fizz und ein Schälchen mit gerösteten Birnenspalten. Auf dem gegenüber der Bar liegenden Samtdiwan entspannt sich kein geringerer als Freddy Mercury. Er ist gar nicht aufgrund der Immunseuche verschieden, im Gegenteil, er sieht vitaler aus denn je! Lächelnd winkt er mir zu und weist auf eine recht langbeinige Schönheit, die keine zwei Meter entfernt von mir am Tresen sitzt und sich räkelt. Freddy klatscht zwei Mal in die Hände und zwinkert mir verheißungsvoll zu - da fällt es mir ein! Ich bin ja der persönliche Unter-den-Rock-Gucker von Freddy Mercury, der aufgrund seiner homoerotischen Neigung gar kein Interesse daran hat, was die Diven dieser wilden Sündenstadt zwischen ihren Schenkeln haben. Für das bescheidene Salär von zwölftausend Pfund monatlich also muß ich den von Herrn Mercury auserwählten Ladies unter den Mini lugen. Und langsam wird mir klar, daß ich schon doofere Jobs hatte in meinem Leben.

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